Markt und Stadtkirche St. Lamberti von Münster

Geschichte
St. Lamberti in den 1870er-Jahren, noch mit dem alten Turm.

Am Kreuzungspunkt der ältesten Straßen Münsters (Roggenmarkt, Alter Fischmarkt, Salzstraße und ab 1121 Prinzipalmarkt) existierte am Markt bereits um das Jahr 1000 eine kleine Kirche der Kaufleute. Die heutige Stadt- und Marktkirche St. Lamberti entstand ab 1375.

Stilistisch ist St. Lamberti eine spätgotische Westfälische Hallenkirche. Der jetzige Bau wurde im ausgehenden 14. Jahrhundert begonnen. Die Grundsteinlegung war im Jahre 1375. Am Nordwestpfeiler des Turms ist eine Kreuzigungsgruppe erhalten, die der Bildhauer Johann Brabender aus Münster um 1540/50 schuf.

Der Turm mit seinem durchbrochenen Helm ersetzte Ende des 19. Jahrhunderts einen älteren Vorgängerbau. Wegen mangelhafter Fundamente hatte sich der Kirchturm nach Westen geneigt. 1871 wurde aufgrund der Einsturzgefahr der Umbau des Daches in Angriff genommen, 1887 der Turm völlig abgerissen und 1888/89 durch den neugotischen Nachfolger ersetzt. Der jetzige Turm stellt eine verkleinerte Kopie des Turms des Freiburger Münsters dar und ist 90,5 Meter hoch. Der Entwurf stammt von Hilger und Bernhard Hertel.

Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Pfeiler des Turmoktogons, das Kirchendach und die Gewölbe der Ostpartien zerstört. Die Glocken wurden bereits zuvor im Juni 1942 abgebaut. Nach Sicherung der Kirche (Notdach 1946) sind die Kriegsschäden bis 1959 beseitigt worden. Der Wiederaufbau der Kirche erfolgte rekonstruierend, nur die neugotische Sakristei wurde in modernen Formen neu errichtet.

Pfarrer der Gemeinde von St. Lamberti war von 1929 bis 1933 Clemens August Graf von Galen, der spätere Bischof von Münster und Kardinal.

Mit dem Beginn des neuen Kirchenjahres am 1. Advent wurden am 2. Dezember 2007 die Pfarrgemeinden St. Lamberti, St. Ludgeri und Aegidii sowie St. Martini zur neuen Pfarrgemeinde St. Lamberti zusammengelegt.
Täuferkörbe
Körbe am Turm von St. Lamberti

Die Körbe fertigte Schmied Bertolt von Lüdinghausen in Dortmund im Jahre 1535 an, erkennbar an der eingeschlagenen römischen Zahl MCCCCCXXXV in einem der Körbe. Ursprünglich sollten sie wohl zum Transport von Gefangenen dienen. Die Dominikaner in Dortmund berichten über den Korb, der für Jan van Leiden hergestellt wurde, dass dieser „4 Wag Eisen minus 13 talente“ wog. Dies entspricht ungefähr 240 kg. In den Abmessungen sind alle drei verschieden. So ergaben Messungen an den Vorderseiten Größen von 187 × 78 cm, 187 × 76 cm und 179 × 79 cm.

Nachdem der alte Kirchturm baufällig geworden war, wurden die Körbe am 3. Dezember 1881 abgenommen. Die Abbrucharbeiten am Turm begannen aber erst im Jahre 1887. Nach der Fertigstellung des neuen Kirchturmes wurden sie am 22. September 1898 wieder an der Südseite angebracht. Während der Bauphase standen die Körbe zunächst in der Dominikanerkirche in der Salzstraße, wo sie fotografiert und von Otto Modersohn gezeichnet wurden.

Nach einer Restaurierung 1927 überstanden sie auch die Kriegsschäden am Turm, als er am 18. November 1944 einen Bombentreffer erhielt, bei dem einer von acht Pfeilern zerstört wurde, die das Oktagon tragen. Als dieser herausbrach, riss er zwei der drei Körbe mit in die Tiefe, nur der rechte Korb blieb hängen. Alle drei Körbe waren stark in Mitleidenschaft gezogen, konnten jedoch restauriert werden. Die Arbeiten hierzu begannen am 20. Juli 1945, als der noch am Turm hängende Korb heruntergelassen und die anderen beiden geborgen wurden. Seit dieser Restaurierung fehlt einerseits der Krabbenschmuck auf den Bügeln der Körbe, zum anderen ist die Reihenfolge der Aufhängung verändert und entspricht nicht mehr der ursprünglichen Reihenfolge.

Im oberen der in Dreieckform angebrachten Körbe befand sich der Leichnam von Jan van Leiden, im linken der von Bernd Knipperdolling und im rechten der von Bernd Krechting. Die Originale der Körbe hängen auch am heutigen Turmbau als Mahnmal „gegen den Abfall von der allein selig machenden Kirche“ und als touristisches Spektakel.

Von den Körben existieren drei Nachbildungen, die im Jahre 1888 angefertigt worden waren. Sie erwarb Hermann Landois (1835–1905, Zoologieprofessor) für seine pseudo-historische Sammlung in der Tuckesburg im alten Zoo. Sie befinden sich, genauso wie die Folterinstrumente, im Stadtmuseum.
Orgeln

Die Stadt- und Marktkirche St. Lamberti kann auf eine lebhafte Orgelgeschichte zurückblicken. Das früheste Instrument lässt sich für das Jahr 1386 nachweisen. Im 16. Jahrhundert lassen sich der Bau einer Orgel im Jahr 1538, und ein weiterer (Neu-)Bau eines Instruments nachweisen, das wohl um 1580 fertiggestellt wurde. Dieses Instrument mit 25 Registern auf drei Manualen und Pedal fand später in der katholischen Kirche Alstätte im Kreis Ahaus Aufstellung.

1821 übernahm die Pfarre die Orgel der säkularisierten Minoritenkirche, die 1784 von Melchior Vorenweg (1753–1844) aus Menden erbaut worden war. Dieses Instrument wurde zunächst 1867 durch den Orgelbauer Bengesdorf (Albersloh) umgebaut. Nach dem Neubau des Turms wurde das Instrument durch Friedrich Fleiter (Münster) bis 1892 grundlegend umgestaltet, in einem neugotischen Gehäuse untergebracht und mit einer pneumatischen Registersteuerung ausgestattet. Im Jahre 1908 erweiterte Fleiter die Disposition auf 50 Register und stattete das Instrument mit elektrischen Trakturen aus.

Nach Zerstörung dieses Instruments im Jahre 1944 lieferte Rudolf Reuter einen Dispositionsentwurf für eine neue Orgel auf der nördlichen Seitenempore von St. Lamberti. Dieser Entwurf wurde durch Franz Breil (Dorsten) im Jahre 1949 allerdings nur teilweise realisiert.
Hauptorgel [Bearbeiten]
Hauptorgel im Turmraum
Chorraum (Position des Glockenspiels)

Angesichts der (nachkriegsbedingt) schlechten Materialausführung und mit Blick darauf, dass sich der Standort der Orgel in akustischer Hinsicht als ungünstig erwiesen hatte, verzichtete man auf eine Vollendung des Entwurfs von R. Reuter, und gab 1987 den Bau einer neuen Orgel bei der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke in Auftrag, die 1989 nach einem Dispositionsentwurf von Prof. Ludwig Doerr (Freiburg) fertig gestellt wurde.

Das Instrument „schwebt“ im Turmraum der Kirche und ist an einer Brückenkonstruktion befestigt: Zwischen den Pfeilern des Turmbauwerks wurden seitlich (Ost-West-Verbindung) zwei waagerechte Tragebalken eingefügt, von denen jeweils eine Stahlbrücke in den Turmraum führt, an denen das Orgelgehäuse angebracht ist. „Vorbild“ für diese Konstruktion war das Tragwerk der großen Orgel in der Lübecker Jakobikirche. Durch diese „Aufhängung“ im Turmraum kann sich der Klang auch in den Seitenschiffen der Kirche frei entfalten.

2006 wurde das Instrument generalüberholt und erweitert. Das Hauptwerk erhielt einen Tremulanten, das Pedal wurde um eine Kontraposaune 32′ (Extension der Posaune 16′) erweitert. Im Schwellwerk (III. Manual) wurden zwei weitere Register (Bordun 8′ und Vox Humana 8′ mit eigenem Tremulanten) aufgestellt, die vom IV. Manual (Trompeteria) aus anspielbar sind. Außerdem wurden Sup- und Superoktavkoppeln eingerichtet. 2008 wurde im Treppenaufgang zwischen Sakramentskapelle und Hochchor ein Glockenspiel mit 30 Röhrenglocken (d0-g2) installiert. Es wird von der Hauptorgel über Funkverbindung angesteuert.

Das Instrument verfügt über 55 Register (Schleifladen) auf vier Manualen und Pedal. Die Spieltraktur ist mechanisch, die Registertraktur und Koppeln sind elektrisch.
I Rückpositiv C–a3
1. Prinzipal 8′
2. Gedackt 8′
3. Quintade 8′
4. Oktave 4′
5. Blockflöte 4′
6. Doublette 2′
7. Sesquialtera II
8. Larigot 11/3′
9. Scharff IV 1′
10. Dulcian 16′
11. Cromorne 8′
Tremulant

II Hauptwerk C–a3
12. Prinzipal 16′
13. Oktave 8′
14. Rohrflöte 8′
15. Gambe 8′
16. Oktave 4′
17. Koppelflöte 4′
18. Quinte 22/3′
19. Oktave 2′
20. Cornett V (ab f0)
21. Mixtur major IV-VII 2′
22. Mixtur minor IV 2/3′
23. Trompete 8′
24. Trompete 4′
Tremulant

III Schwellwerk C–a3
25. Bordun 16′
26. Holzprincipal 8′
27. Flute haromonique 8′
28. Salizional 8′
29. Voix celeste (ab c0) 8′
30. Oktave 4′
31. Flute octaviante 4′
32. Nazard 22/3′
33. Octavin 2′
34. Tierce 13/5′
35. Mixtur 22/3′
36. Basson 16′
37. Trompette harmonique 8′
38. Hautbois 8′
39. Clairon 4′
Tremulant

IV Trompeteria C–a3
40. Trompeta magna 16′
41. Trompeta real 8′
42. Vox humana (im SW) 8′
43. Bordun (im SW) 8′
Tremulant (für 42. u. 43.)


Pedalwerk C–
44. Untersatz 32′
45. Principalbass 16′
46. Subbass 16′
47. Oktavbass 8′
48. Gedacktbass 8′
49. Choralbass 4′
50. Nachthorn 2′
51. Hintersatz IV 4′
52. Kontraposaune (aus 53.) 32′
53. Posaune 16′
54. Trompete 8′
55. Trompete 4′

* Koppeln
o Normalkoppeln: I/II, III/II, IV/II, III/I; I/P, II/P, III/P, IV/P
o Suboktavkoppeln: I/I, III/III (durchkoppelnd), III/II
o Superoktavkoppeln: III/III (durchkoppelnd), IV/IV, III/II; I/P, II/P, III/P, IV/P
o Glockenspiel: Glocken/I, Glocken/II, Glocken/III, Glocken/IV, Glocken/P, Glocken Superoktavkoppel (durchkoppelnd)
* Spielhilfen
o Zimbelstern
o 4000 Setzerkombinationen

Chororgel

Die Chororgel wurde 2004 von Johannes Rohlf (Neubulach) erbaut. Sie steht auf einem fahrbaren Podest. Das Instrument ist im klassischen italienischen Stil disponiert. Das Gehäuse orientiert sich an Konstruktionszeichnungen mittelalterlicher Orgeln. Alle Register sind bei c1/cis1 geteilt. Die Orgel hat ein angehänges Pedal (C-d1).

Die Chororgel hat folgende Disposition:
Manualwerk C–c1/cis1-d3
Principale I 8′[Anm. 1]
Flauto I 8′[Anm. 2]
Ottava VIII 4′[Anm. 3]
Flauto in VIII 4′[Anm. 2]
Flauto in XII 22/3′[Anm. 4]
Quinta Decima XV 2′
Tromboncini 8′[Anm. 3]
Tremulant

1. ↑ Kastanienholz.
2. ↑ a b Bergfichte, Birnbaum.
3. ↑ a b Prospekt.
4. ↑ Rohrflöte.

Glocken
Vier neue Glocken, gegossen am 5. September 2008.
Glockenguss bei Petit & Gebr. Edelbrock am 5. September 2008.

In der Glockenstube hängt ein achtstimmiges Geläut. Darunter sind vier historische Glocken: zwei Glocken von Gerhard van Wou, eine von seinem Schüler Wolter Westerhues und die Große Katharinenglocke von Henricus Caesem. Ferner befindet sich dort die nicht zum Geläute gehörige städtische Brandglocke (Herman von Essen).

Aufgrund starker Belastung der vier historischen Glocken ist das Geläute um vier neue erweitert worden. Der alte Stahlglockenstuhl wurde entfernt und durch eine Holzkonstruktion ersetzt. Mit der Glocke Nr. 4 wurde eine Klanglücke gefüllt, mit den Glocken Nr. 6–8 wurde eine neue Klangkrone geschaffen.[1]

Am 5. September 2008 wurden in Gescher bei Petit & Gebr. Edelbrock die vier neuen Glocken gegossen.[2] Aufgrund eines Fehlgusses – die Glocke Nr. 4 war einen halben Ton zu tief geraten (statt f1 ein e1) – erfolgte der erneute Guss am 5. Dezember 2008 in Gescher; dieser Guss gelang.[3] Am 1. März 2009 wurden die neuen Glocken durch den Weihbischof und Diözesanadministrator Franz-Josef Overbeck geweiht.[4] Am 29. März 2009 – zur Einführung des neuen Bischofs Felix Genn – war erstmals das neue Vollgeläut zu hören.[5]