"Begegnung mit Sion"

Die letzte Generellansicht, Richtung Nord-West, von Valère aufgenommen.
Ab Morgen, führe ich euch durch die Altstadt.

Hinten dem Hügel, oben links, befindet sich der kleine See, meine Lieblingsplatz,
wo einige Bilder aufgenommen worden sind. Unter anderen, mein zweites in der FC:

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Wenn ich den Besucher auf die Entdeckung der Stadt einstimmen will, fordere ich ihn am besten auf die Eindrücke, die Paul Budry unter dem Titel "Begegnung mit Sion" festgehalten hat, auf sich einwirken zu lassen. Dieser Text leitet einen schmalen Führer ein, der vor mehr als vierzig Jahren erschienen ist. Er hat seine Aktualität kaum eingebüsst und ist in seiner Prägnanz zweifellos eine der schönsten Huldigungen an die Stadt.


Begegnung mit Sion
Von Paul Budry
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"Vor den andern Künstlern war in Sion die Nature am Werk. Sie bewies hier ihre Meisterschaft. Nichts ist bewegender als die Aussicht auf die zinnengekrönten Zwillingshügel, die sich in der Ferne in das einzigartige gold-grüne Walliser Licht erheben, das alle Dinge in den verklärenden Glanz des Historischen hüllt. Man glaubt ein loses Blatt aus den Chroniken Stumpfs oder Merians vor sich zu haben. Beim Näherkommen durchquert man ein breites Band von Gärten voller Apfelbäume, deren Astwerk an ein Stacheldrahtverhau gemahnt. Dann begegnet man dem modernen Sion mit seinen Kellern und monumentalen Lagerhäusern, an deren Giebeln die Wörter Wein, Obst und Spargeln um Kunden werben. Man errät, woher der Reichtum stammt, ahnt, dass Vater Rotten (Rhone) das Tal, das er als karge Sierralandschaft bildete, auch wieder zu einem zweiten Eden gemacht hat. Herbheit und Milde, Berg und Tal greifen hier dicht ineinander. Händler mit gefurchten Gesichtern treiben die aufgezäumten Kühe zwischen den marmorierten Kaufläden hin. Trotz ihrer rauhen Sprache drücken sie sich fein und höflich aus. Wenn man die modernen Vororte hinter sich gelassen hat, schlendert man zwischen strengen Fassaden durch das enge Labyrinth der granitfarbenen Altstadt und nimmt die verblichenen Patrizierwappen über den Torbogen aus grobem Tuffstein wahr. Die massigen Bürgerhäuser, auf deren Türmchen Wetterfahnen sitzen, erinnern an die Zeit, da die Stadt in einen engen Mauergürtel gezwängt war und mit der Strasspflasterung geizte.

Das Leben des Hauses ist nach innen gekehrt, den Höfen zugewandt, deren mehrstöckige Lauben andeuten, dass Italien nicht fern ist und dass die sengende Julihitze den Schatten schätzen lehrt. Es zeugt von einer Zeit, in der die Leutseligkeit nicht als erste Tugend des gesellschaftlichen Umgangs galt. Kurz: man denkt an Korsika.

Die Kunstwerke widerspiegeln die vornehme und stolze Seele Sions, dieses weltlichen Sion, das sich in einer Inschrift des Rathauses selbstgefällig mit dem Zion der heiligen Schrift vergleicht. Der Genius des Wallis ist letztlich der Rhone und den Alpen verpflichtet und demgemäss romanisch. Mögen auch die Bauten und die Ornamente bisweilen an die Formensprache der Gotik und er Renaissance anklingen – sie bewahren gleichwohl den romanischen Akzent. Man verspürt mit seltener Eindringlichkeit die altertümliche Schwere des rhodanischen Genius, der die Bilder der Zeit getreulich festhält, obwohl er der Geist des eiligsten aller Flüsse ist.
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1/400 - f 8.0 - ISO 100 - 7.2mm (eqv. ~28mm) - Kontr. -5
14.01.05 - 14:00
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